BBC-Studie zum Kapitalismus: Die Systemfrage.

Es war nicht alles schlecht im Kapitalismus - wird es vielleicht in ferner Zukunft einmal heißen. Heute lassen die Menschen an diesem Wirtschaftssystem kaum ein gutes Haar, wie eine Umfrage im Auftrag der BBC in 27 Ländern ergeben hat: Nur elf Prozent der Befragten sind der Meinung, dass der Kapitalismus so funktioniert, wie er ist.
Das größte Vertrauen in die ungezügelte Wirtschaft fanden die Meinungsforscher ausgerechnet in einem Land, in dem die Krise viele Menschen um Jobs und Häuschen gebracht hat: In den USA sagen 25 Prozent, der Kapitalismus sei voll in Ordnung. Außer in Pakistan (21 Prozent) liegt die Zustimmung sonst überall bei weniger als 20 Prozent. Die weltweite Studie lege den Schluss nahe, "dass das Vertrauen in die freien Märkte in den vergangenen zwölf Monaten der Wirtschafts- und Finanzkrise einen schweren Schlag erlitten hat", schreibt BBC-Korrespondent James Robbins.
Der Chef des mit der Studie beauftragten Meinungsforschungsunternehmens Globe Scan, Doug Miller, sagte: "Offenbar war der Fall der Berliner Mauer 1989 doch nicht der Kantersieg der kapitalistischen freien Marktwirtschaft, der er damals zu sein schien."
Glaubt man der Studie, bricht die Weltrevolution demnächst in Frankreich aus: Mit 43 Prozent wünschten sich dort die meisten Menschen einen Systemwechsel, gefolgt von Mexiko (38 Prozent), Brasilien (35 Prozent) und der Ukraine. Die Kritik an der Marktwirtschaft ist zwar in den 27 Ländern der Studie unterschiedlich stark ausgeprägt. Fast überall aber fanden die Forscher eine Mehrheit für ein stärkeres Eingreifen von Regierungen.
"Einige Elemente des Sozialismus, etwa die gleiche Verteilung des Wohlstands durch die Regierung, sprechen viele Leute auf der Welt weiter an", sagte Steven Kull von der Universität von Maryland, die an der Studie beteiligt war. Im Schnitt sind 67 Prozent der Meinung, der Staat solle eine aktivere Rolle dabei spielen, den Wohlstand gleichmäßiger zu verteilen.
In 22 der 27 Länder spricht sich eine Mehrheit für mehr Staat aus. Latein- und Südamerikaner vertrauen von oben gesteuerter Umverteilung am meisten: Rund neun von zehn Befragten sind für eine größere Rolle der Regierung.
In Deutschland wünschen sich 74 Prozent mehr staatliche Umverteilung; in der Türkei sind es nur 9 Prozent. Gegen eine größere Rolle der Regierungen in diesem Bereich sind auch Inder und Pakistaner (60 und 66 Prozent), Polen (61) und US-Bürger (59 Prozent).
Mehr staatliche Regulierung der Wirtschaft würden weltweit 56 Prozent begrüßen, weniger fänden 22 Prozent besser. Ausgerechnet in Brasilien, wo die Arbeiterpartei regiert, fordern 87 Prozent mehr Regulierung, gefolgt von so unterschiedlichen Ländern wie Chile, Frankreich, Spanien und China.
In Deutschland sind 45 Prozent für mehr Regulierung, 28 Prozent für weniger, 24 Prozent sind zufrieden, wie es ist.


Nachtrag.
Kein Wunder! Letztendlich sind die meisten Menschen weltweit an einer funktionierenden, freiheitlichen Gesellschaft interessiert, in der jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten eine auskömmliche Existenz führen kann und noch Zeit dabei hat, die limitierte Lebenszeit von 80 Jahren zu genießen.
In unseren heutigen sogenannten Demokratien (passender wäre wohl der Begriff Konzern-Diktatur) ist das leider nicht mehr möglich, da das kleine Unternehmertum durch die Konzerne inzwischen fast vollständig zerstört wurde. Eine Gesellschaft in der den oberen einem Prozent vierzig Prozent von allem gehört, funktioniert eben nicht.
Kommentar hinzufügen