In England wird die Totenglocke geläutet.

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Der Schuldenmeister Europas sitzt nicht in Athen, sondern in London. Der Pfund-Kurs sinkt. Nehmen die Märkte nach Griechenland nun Großbritannien ins Visier?

Das Vereinigte Königreich ist als Nicht-Euro-Land flexibler als Hellas. Doch gerade deshalb könnte das Pfund erst recht abwerten.

Sterling-Krise! Schon das Wort, das wieder durch die Schlagzeilen der Londoner Presse geistert, weckt in Großbritannien böse Erinnerungen.

Vor allem an den "Schwarzen Mittwoch", den 16. September 1992, als die Landeswährung Sterling aus dem später vom Euro beerbten Europäischen Währungssystem flog, weil die Regierung den Wechselkurs nicht mehr halten konnte.

27 Milliarden Pfund an Devisenreserven hatte sie auf den Markt geworfen, den Leitzins von 10 auf 12 und noch am gleichen Tag sogar auf 15 Prozent hochgeschraubt, um eine zu starke Abwertung gegen die Deutsche Mark zu verhindern - alles vergebens.

Der Stolz der Nation war verletzt, die Wirtschaftskompetenz der regierenden Konservativen für Jahre blamiert, Währungsspekulanten strichen Milliardengewinne ein - darunter George Soros, der ins öffentliche Gedächtnis einging als "der Mann, der die Bank von England ruinierte".

Nun also wieder: Sterling-Krise. Nach dem Euro Chart zeigen ist im Zuge der Schuldenkrise auch das Pfund Chart zeigen unter Druck geraten, fiel seit Anfang Februar von 1,60 Dollar unter die Marke von 1,50 Dollar. Selbst von der Schwäche des Euro profitiert Sterling nicht mehr.

Gegen die europäische Gemeinschaftswährung pendelt das Pfund um 1,10 Euro, nicht mehr weit entfernt von der Parität. Zehnjährige Gilts, die britischen Staatsanleihen, werden zu mehr als 4 Prozent Zinsen gehandelt - ein satter Aufschlag von einem Prozentpunkt zu deutschen Bundesanleihen.

Credit Default Swaps zur Versicherung gegen den Zahlungsausfall fünfjähriger Gilts kosten 0,8 Prozent der Forderungssumme jährlich - immer noch weniger als die 1,1 Prozent in Italien oder 3,1 Prozent in Griechenland, aber ein deutlicher Risikoaufschlag zu den 0,35 Prozent für deutsche Bundespapiere.

Für sich genommen sind die Zahlen nicht dramatisch, doch einige Marktbeobachter sehen darin erst den Anfang. "Um Sterling braut sich etwas zusammen", urteilt Nick Beecroft, Londoner Devisenexperte der Saxobank. In dieser Woche seien mehrere für den Wechselkurs bedrohliche Nachrichten zusammengekommen:

  • Neue Umfragen für die Parlamentswahl im Mai, denen zufolge keine Partei eine klare Mehrheit erreicht und so ein "hung parliament" entsteht, unfähig zu wesentlichen Beschlüssen.
  • Die "Monsterübernahme" der asiatischen AIG-Tochter AIA durch die britische Versicherung Prudential Chart zeigen für 35 Milliarden Dollar, wofür der Käufer die entsprechende Summe Pfund auf den Markt werfen müsse.
  • Und die am Donnerstag anstehende Sitzung des geldpolitischen Komitees der Bank von England, deren Präsident Mervyn King ebenso wie Komiteemitglied Adam Posen sich zuletzt öffentlich dafür aussprachen, nach der im Februar verordneten Pause wieder die Notenpresse anzuwerfen.

"Das würde den Kollaps des Pfundes beschleunigen", meint Beecroft, "aber der Markt kommt zu dem Schluss, dass genau das der Plan ist." Denn eine Abwertung würde die drückende Schuldenlast der Briten gegenüber dem Ausland erleichtern. Die gesamte Verschuldung ist fast fünfmal so groß wie die jährliche Wirtschaftsleistung.

Die unabhängige Währung ist ein wichtiges Plus für die britische Wirtschaft. "Anders als Griechenland, hat das Vereinigte Königreich mehr als nur die Steuerpolitik in der Hand, um sich im Wettbewerb anzupassen", lobt Mohamed El-Erian, Chef der Fondsgesellschaft Pimco, die zu den weltweit größten Anleihenkäufern zählt.

Wenn das Pfund abwertet, werden britische Waren im Ausland billiger, was die Wirtschaft wettbewerbsfähiger macht. Diese Flexibilität haben die Briten bereits ausgiebig genutzt.

Seit Beginn der Finanzkrise hat das Pfund mehr als ein Fünftel gegenüber dem Dollar abgewertet. "Die Bank von England begrüßte das als ein Mittel, um das Wachstum wieder in Balance zu bringen", analysiert Schroders-Chefökonom Keith Wade. "Die Abwertung kurbelte den Handel zu einer Zeit an, als die inländische Wirtschaft schwach war."

Erklärtes Ziel des amtierenden Premierministers Gordon Brown ist eine stärkere Industrie, um unabhängiger von der Finanzbranche zu werden.

Ebenso gut für die Konjunktur, aber Gift für den Wert des Geldes ist die Aufblähung der Geldmenge. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Bank von England schon 200 Milliarden Pfund auf den Markt geworfen, weil sie mit ihrem auf 0,5 Prozent gesenkten Leitzins nicht mehr weiterkam, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Der Großteil des frischen Geldes ging direkt in den Aufkauf neuer Staatsschulden, die so schnell wuchsen wie in keinem anderen großen Industrieland.

"Dort wird in den nächsten Monaten das gleiche Drama passieren wie in Griechenland", sagte Klaus Kaldemorgen, Chef der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, in seinem jüngsten Marktausblick. Die britische Staatsverschuldung sei mindestens so dramatisch wie die griechische.

Das Staatsdefizit für das in diesem Monat endende Haushaltsjahr 2009/2010 wird auf 12,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt. Das würde mit knappem Vorsprung vor Griechenland, Irland und Spanien für die rote Laterne in Europa reichen.

Nur gut für die Regierung, dass sie nicht den Regeln der Europäischen Währungsunion gehorchen muss und daher kein Sparprogramm aus Brüssel verordnet bekommt.

Die Gesamtverschuldung des Staates ist mit 60 Prozent noch relativ gering, doch die Regierung saugt mehr und mehr der überbordenden privaten Verbindlichkeiten auf, die wie ein Felsblock den Aufschwung blockieren.

Auch der hohe Anteil langer Fristen an den Staatsschulden hilft wenig - laut einer neuen Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sind gerade die langfristigen Aussichten für eine Stabilisierung der britischen Staatsfinanzen so schlecht wie sonst nur für Japan. Für die Zeit bis 2050 sehe Griechenland viel solider aus.

Egal, wer die nächste Regierung stellt - um niedrigere Ausgaben oder höhere Steuern komme sie nicht herum, meint Devisenanalyst Beecroft. Für das Pfund heiße das nichts Gutes: "Harte Fiskalpolitik, weiche Geldpolitik, das ist die traditionelle Totenglocke für jede Währung."

Von Arvid Kaiser.

Quelle: http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,681591,00.html

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