Ich bin mal kurz im Wohnzimmer!
Bei mir gibt es in der Straße – nur wenige Schritte von meiner Haustür entfernt – eine Kneipe. Diese Kneipe trägt den Namen Ambiente – zugegeben nicht sehr originell, aber dennoch zutreffend. Genaugenommen ist das Ambiente für mich und einige Freunde so eine Art ausgelagertes Wohnzimmer. Jedenfalls nennen wir es so.
Das Ambiente hatte gute und schlechte Zeiten. Wie viele Unternehmen leidet es momentan an der Wirtschaftskrise und dadurch an einem Investitionsstop, der sich inzwischen an allen Ecken und Enden bemerkbar macht. Die Tische vor der Kneipe und der Garten sind in einem desolaten Zustand, der Kamin im Inneren geht nur bei Minusgraden an, die Toiletten entsprechen allen üblichen Vorurteilen und die Barhocker treiben jedem TÜV-Prüfer Tränen in die Augen.
Das allerdings tut der Stimmung im Ambiente keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Es sind weder die Einrichtung, noch die Dekoration, die nicht vorhandene Möglichkeit Heißgetränke zu bestellen, die noch viel weniger vorhandene Kneipenküche, die das Ambiente zu etwas ganz Besonderen machen.
Es sind die Leute, die dort verkehren (vor und hinter dem Tresen), der Umgang miteinander, der gepflegt wird. Und die Rituale, die sich daraus ergeben. Das alles ist das wirkliche Ambiente und der Grund dort gern hin zu gehen. Denn so etwas gibt es heutzutage – gerade in Eppendorf – kaum noch.
Das beginnt mit den Leuten hinter der Theke, die zu den meisten Dingen im Leben eine erstaunlich entspannte Einstellung haben. Zum Beispiel bei der nicht vorhandenen Speisekarte: Sie haben Hunger? Dann lassen Sie sich 'ne Pizza an den Tresen kommen! Rauchen? Jedem steht's frei im Ambiente nicht zu rauchen. Öffnungszeiten? Ja, gibt es auch, ansonsten so wie's gerade passt. Oder wie das Wetter und die Anzahl der anwesenden Gäste es nötig machen.
Womit wir bei den Gästen selbst wären. Diese in eine Schublade einzuordnen, wäre ein weitgehend unsinniges Vorhaben. Alter? Spielt keine Rolle solange der Betreffende was Interessantes zu erzählen hat. Status? Von Vorstand, über Chef bis hin zum Studenten und Arbeitslosen – alles vertreten. Aber Status interessiert im Ambient niemanden.
Ebenso wenig kann man dort mit der Thematik "Mein Auto", "mein Job", "mein Haus" punkten. Stattdessen wird - mit einem gesunden Halbwissen ausgestattet - über Fußball (Thema Nummer 1), über Politik (logisch, Thema Nummer 2) und alles andere, was von Tage übrig blieb, schwadroniert. Und das mit jedem Drink redseliger.
Sicherlich macht das alles das Ambiente zu einer Art Stammkneipe - komplett mit allen Eigenschaften, die so eine Institution mit sich bringt. Und für Freunde glänzender Szenegastronomie ist das sicherlich nicht das richtige Ambiente (sorry, das konnte ich mir gerade nicht verkneifen).
Aber in einem angepassten Langweiler-Stadtviertel wie Eppendorf, das ausschließlich aus Brötchenläden, Friseuren, Schuhgeschäften, Eisdielen und Coffeeshops besteht, ist es ein wundervoller Rückzugspunkt in eine Zeit in der das Straßenbild nicht nur von Franchise- und Konzernfilialen dominiert wurde.
In eine Zeit, in der man hinter dem Tresen noch Inhaber und vor dem Tresen noch Originale angetroffen hat.
So und jetzt brauche ich ein Bier, bin nämlich gerade im Wohnzimmer.


Kommentar hinzufügen